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Ein kurzer Überblick über die Geschichte des Ortes

 

900 Jahre Zeittafel (Grafik)  anzeigen

 

Klosterneuburg, Geschichte und Kultur

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Band 2 - Die Katastralgemeinden, Klosterneuburg: Mayer & Comp.1993, S.13 – 90.

Im Dorfmuseum und Buchhandel erhältlich.


Frühe Besiedlung Die fruchtbaren Donauauen wurden schon vor Jahrtausenden
genutzt, wie versenkte mittelbronzezeitliche Schwerter annehmen lassen.
Hochwässer schwemmten jedoch Kulturen und Siedlungen immer wieder weg. Später
siedelte man auf den inzwischen für den Weinbau gerodeten Hängen. Wahrscheinlich
geht dies schon auf vorrömische Zeit zurück, denn auf halber Hanghöhe wurde
Schmuck aus der Latène-Zeit gefunden. Römerfunde in Donaunähe weisen auf einen
militärischen Wasser- oder Straßenverkehrsweg hin, die Hauptstraße fürhte jedoch
durch das Kierlingtal. Aus frühmittelalterlichen Einzelhöfen entstanden fünf
Siedlungen: Muckerau, Ober- und Unterkritzendorf, Ötting und zuletzt die Neustift.


Mittelalter Die älteste schriftliche Erwähnung des Ortsnamens ist aus dem Jahr 1108
erhalten: eine Schenkung an das Stift Klosterneuburg wird unter anderem von einem
Kritzendorfer bezeugt. Fast zweihundert Jahre später erreichte Ritter Ulrich von
Kritzendorf höchste Würden am Herzogshof, der gerade von den Habsburgern in der
Klosterneuburger Albrechtsburg neu eingerichtet worden war. Ulrich ließ die
Bartholomäuskapelle an der Martinskirche in Klosterneuburg anbauen und bestiftete
sie ab 1291 reichlich. Das spätmittelalterliche Kritzendorf brachte noch eine Reihe
weiterer Würdenträger hervor, deren Siegel erhalten sind. Man lebte hier
hauptsächlich vom Weinbau. Der Wein war von guter Qualität und konnte dank des
Verkehrsweges Donau bis ins heutige Bayern exportiert werden. So entwickelte sich
ein schwunghafter Handel geistlicher und adeliger Grundherrschaften, bald entdeckte
auch der aufstrebende Bürgerstand Weingärten als Kapitalanlage.


Grundherrschaft und Neuzeit In Kritzendorf hatten schon im Mittelalter neun
Grundherrschaften Eigentumsrechte. Sie führten so genannte Grundbücher, in denen
sie die von ihren Untertanen zu leistenden Abgaben auf Häuser, Grund und Boden
auflisteten. Erst 1848 wurde das Herrschaftsrecht abgeschafft. In beiden Kritzendorf
standen zusammen an die 50 Häuser, von denen noch zahlreiche Baukerne und
Keller erhalten sind, das älteste erhaltene Baudatum stammt aus 1584. Abgesehen
von den herrschaftlichen Weinlesehöfen lebten hier Weinhauer mit ihren Familien und
so genannten Inwohnern: Handwerkern, Taglöhnern und Witwen. Die Nachbarn
regelten ihr Zusammenleben von alters her in so genannten Weistümern. Beim
mehrmals jährlich unter freiem Himmel abgehaltenen Panthaiding wurden diese
verlesen und Gericht gehalten, dann wurde der Dorfrichter und vier Geschworene
gewählt. Die Ortsobrigkeit übernahm das nahe gelegene Stift Klosterneuburg, das
auch in den häufigen Kriegswirren Schutz bot. Kritzendorf war zwar davon weniger
als die umliegenden Orte betroffen, aber auch hier litten die Menschen, Äcker und
Weingärten wurden verwüstet, Häuser brannten ab.


Aufklärung Kirche und Gemeinde begannen sich getrennt zu entwickeln, beide
führten fortan getrennte Rechnungen. Im Siegel führte aber auch die Gemeinde
weiterhin den Hl. Vitus. Die Armenversorgung oblag den einzelnen
Grundherrschaften, die Schulbildung der Ortsobrigkeit, also dem Stift. Alle zusammen
hatten jedoch im Verhältnis zu heute nur ganz kleine Budgets. Um diese Zeit begann
sich auch die staatliche Verwaltung für die kleinen Dörfer zu interessieren, Statistiken
und Topographien wurden angelegt. Doch auch wanderlustige Bürger entdeckten die
Umgebung der Großstadt. Das erwachende Interesse für die eigene Geschichte
manifestiert sich in der der Pfarrchronik der eben erst selbständig gewordenen Pfarre.


Biedermeier Nachdem im Laufe der Jahrhunderte alle neun Grundherrschaften in
geistliches Eigentum gekommen waren, wurden infolge der josefinischen
Klosteraufhebungen der Mauerbacher und Fürstenzeller (Edel-) Hof von Adeligen und
Neureichen aus Wien ersteigert. Kritzendorf wurde nun auch von Publizistik,
Wirtschaft und Wissenschaft entdeckt; einerseits als Sommerfrische, andererseits als
Arbeitsstätte in Steinbrüchen und Ziegeleien. Die durch Jahrhunderte fast
gleichgebliebene Einwohnerzahl verdoppelte sich. Aus dieser Zeit stammen die
ersten naturgetreuen Ansichten des Dorfes. Die Anlage des franziszäischen
Katasters verschuf Klarheit über die Eigentums- und Besitzverhältnisse.


Industrialisierung Zahlreiche weitere Steinbrüche und Ziegeleien schossen aus dem
Boden. Der Bau der Kaiser Franz Josef-Bahn und die anschließende
Donauregulierung schufen zunächst Arbeitsplätze, doch war die weitere industrielle
Entwicklung nicht erfolgreich. Dennoch zog die Großstadtnähe weitere
Arbeitssuchende an. Das Zerstörungswerk der Reblaus verschärfte zunächst Lage,
bis durch den Umstieg auf Ribisel(Johannisbeer-)kulturen dem Ort zusätzliche
Bekanntheit erwuchs. Die gute Verkehrslage brachte aber auch erste
Sommerfrischler, die sich Villen errichten ließen. Die Einwohnerzahl verdoppelte sich
neuerlich. Ober- und Unterkritzendorf wuchsen zusammen, der Oberort erweiterte
sich in die Niederungen entlang der Donau nach Norden. Schule und Armenwesen
waren überfordert.Die Gemeindekasse war stets leer, bis die Tatkraft einiger
Wohltäter, darunter Bankier Schelhammer und Pfarrer Leander Köhler, Kritzendorf zu
einer prosperierenden Gemeinde machte. Jahrhundertwende und I. Weltkrieg
Zahlreiche Wanderwege und Ausflugslokale entstanden. Der Bau des Strombades
zog weitere Erholungssuchende an. In sechs Jahren wurden 138 neue Häuser
gebaut. Kritzendorf bei Wien wurde berühmt und ging in die Literatur ein. Der Erste
Weltkrieg unterbrach mit Rationierungen und Sammlungen das fröhliche Treiben,
Trauer um Gefallene schloß an.


Zwischenkriegszeit Nachdem die Wirtschaftskrise überwunden war, erlebte
Kritzendorf seine goldenen Jahre. Das Strombad war der Magnet. Bis zu 16.000
Gäste kamen an schönen Sonntagen, Pendelzüge verkehrten alle 10 Minuten. Im
Musikpavillon spielten Mitglieder des Wiener Symphonieorchesters, beim Heurigen
oder Ribiselwein klang der Sonntagsausflug aus. Politische Wirren kündigten das
Ende dieser Ära an. Die zum Teil jüdische Intelligenz und Prominenz zog sich zurück.


II. Weltkrieg Nationale Begeisterung war bald von Trauer über Verluste überschattet.
Wenngleich der Ort selbst sowohl von Judenverfolgungen als auch von gröberen
Kriegseinwirkungen weitgehend verschont blieb, so gibt es wohl kaum eine Familie,
die nicht einen oder mehrere Gefallene zu beklagen hätte. Das Kriegsende wurde
vorwiegend in Luftschutzräumen erwartet. Die Grundversorgung war trotz
landwirtschaftlicher Nutzung jedes Hausgartens auf Lebensmittelkarten angewiesen.


Wiederaufbau Die russische Befreiung ging mit Vergewaltigungen, aber auch mit der
Freigabe eines Sardinen- und Zuckerschiffes einher. Die knapp vor Kriegsende
gesprengte Schelhammerbrücke wurde von Kritzendorfern aller politischen
Einstellungen gemeinschaftlich wiedererrichtet und vom damaligen Bürgermeister
von Groß-Wien, Theodor Körner, feierlich eröffnet.


Wohlstand Obwohl Kritzendorf durch seine Großstadtnähe weiterhin großen Zuzug
von Pendlern hat und schon seit 1938 keine eigene politische Gemeinde mehr ist,
verstärkt sich in den letzten Jahren wieder das Gemeinwesen. Das Engagement des
Pfarrers, des Ortsvorstehers und der Vereine tragen wesentlich dazu bei. Im
Amtshaus und im Pfarrhaus finden immer mehr Veranstaltungen statt. Vier
Zeitschriften werden herausgegeben, ein "Lied an Kritzendorf" zeugt von
wachgebliebener Heimatliebe. Neben den alten Hauerfamilien, wie jener des
Klosterneuburger Altbürgermeisters Karl Resperger, wirken zunehmend Zugezogene
gemeinschaftsbildend. Bohrungen der ÖMV und andere lokale Ereignisse brachten
zwar das dörfliche Gleichgewicht kurzzeitig ins Wanken, mögen dennoch keine
größeren Probleme auf Kritzendorf zukommen!


Kirche und religiöse Einrichtungen Bis gegen Ende des Mittelalters mußten die
Kritzendorfer den weiten Weg nach St. Martin gehen, wo Ritter Ulrich von Kritzendorf
die Bartholomäuskapelle hatte erbauen lassen. Um 1460 wurde mit dem Bau der
heutigen Kirche begonnen, auf freiem Feld zwischen Ober- und Unterkritzendorf.
Ursprünglich als Marienkirche geplant, erhielt sie das Patrozinium des Hl. Vitus durch
die erste Meßstiftung. Der spätgotische Bau ist in seiner Substanz einzigartig und
blieb aus dieser Übergangsphase zur Renaissance unverändert erhalten. Lediglich
Turm und Anbauten sind neugotisch. Die Kartäuser von Mauerbach, die hier einen
Weinlesehof hatten, schenkten der neuerbauten Kirche ein reich verziertes Meßbuch.
Die kriegerischen Auseinandersetzungen der damaligen Zeit brachten nicht nur für
die Menschen großes Leid, auch Kirchen und Andachtsstätten wurden entweiht. Dies
mag die Ursache dafür sein, daß Weihbischof Albert von Salona aus der Diözese
Passau die Kritzendorfer Kirche erst am 17. Mai 1489 endgültig weihte. Durch
Jahrhunderte gab es an diesem Tag eine Prozession vom Stift Klosterneuburg nach
Kritzendorf. In jüngerer Zeit geriet dieser Brauch und das Datum der Kirchweihe in
Vergessenheit und wurde erst 1989 zur 500 Jahr-Feier wieder entdeckt. Kirche als
Gemeinschaft war immer ein Anliegen der Kritzendorfer. Ein sichtbares Zeichen dafür
ist das Grab von Anna Pröm in Kirchenmitte. Ihre Meßstiftung aus dem 17.
Jahrhundert manifestiert auch die Bekehrung zum katholischen Glauben und war
Vorbild für viele Kritzendorfer. Am Allerseelentag 1994 wurde sie feierlich
wiederbestattet. Im 18. Jahrhundert war die Gemeinschaft so stark, daß St. Veith auf
Drängen der Dorfbewohner zur selbständigen Pfarre erklärt wurde. Pfarrer sind seit
damals Klosterneuburger Chorherren. Die Inneneinrichtung wurde immer wieder
erneuert. Die letzte große Renovierung wurde 1992 begonnen - auch ein Zeichen der
geistlich-spirituellen Aufbruchstimmung in unserer Gemeinde. Das Kirchenschiff
wurde weitgehend auf sein ursprüngliches schlichtes Aussehen zurückgeführt, das in
den Boden eingelassene kreuzförmige Taufbecken knüpft allerdings an frühchristliche
Traditionen an. Der Altar wurde am 1. November 1992 von Weihbischof Dr. Krätzl
neu geweiht, der Schlußstein wurde zum Ende der Vituswoche 1995 durch Kardinal
Dr. Groer gesetzt. Das religiöse Leben im Dorf beschränkt sich nicht auf den
Kirchgang. Vier Marterln gehen auf das 17. Jahrhundert zurück, drei davon sollen
vom Kritzendorfer Dorfrichter Lorenz Moßwinkler stammen. Von der
Langstögerkapelle, die unterhalb der Helenenhütte stand, ist nichts mehr übrig. An
das ehemalige Schifferkreuz in der unteren Klinggasse erinnert das Kreuz bei der
Haltestelle Unterkritzendorf. Die 1937 erbaute Paulakapelle befindet sich jenseits der
Pfarrgrenze nach Höflein. Kapellen gibt es heute nebst der an die Kirche angebauten
Wochentagskapelle und der Aufbahrungshalle am Friedhof noch bei den
Barmherzigen Brüdern, am Weißen Hof und bei den Schulschwestern. Die neue
Waldandacht steht unweit der alten, 1994 abgebrannten Bildeiche.


Schule Die älteste Erwähnung einer Schule in Kritzendorf stammt aus 1595. Damals
lehrte hier ein lutherischer Prädikant. Das Stift setzte den Schulbetrieb fort, sodaß seit
damals eine nahezu kontinuierliche Schultätigkeit nachweisbar ist. Da die Kosten
vom Stift übernommen wurden, besuchte ein Großteil der Kinder die damalige
Pfarrschule, schon lange bevor dies zur Pflicht wurde. Durch das Wachstum des
Dorfes im vorigen Jahrhundert mußte die Schule mehrmals erweitert werden, bis
endlich 1895 der heutige Bau errichtet wurde. Als die Schulschwestern das
ursprüngliche Mädchenpensionat zu einer Privatvolksschule erweiterten, nahm die
Schülerzahl der öffentlichen Volksschule stark ab, um sich in letzter Zeit neu zu profilieren.


Gesundheit Die mittelalterliche Badstube befand sich etwa am Ort des heutigen
Amtshauses. Der Bader hatte damals auch die Aufgabe der Gesundheitspflege.
Nachdem die Badstube bereits im Spätmittelalter verfallen war, gab es duch lange
Zeit keine lokale medizinische Versorgung. Engagierte Kritzendorfer übernahmen
diese Rolle, bis sich Wundärzte niederließen. Über die Gemeindeärzte führte der
Weg zum heutigen, frei niedergelassenen Arzt. Das Alten- und Pflegeheim der
Barmherzigen Brüder sowie das Rehabilitationszentrum Weißer Hof, das sich auf
Kritzendorfer Katastralboden befindet, haben heute Bedeutung weit über Klosterneuburg hinaus.


Verwaltung Grundherrschaft und Ortsobrigkeit gingen nach der Revolution von 1848
auf die Gemeinde über. Aus dem Dorfrichter wurde der Bürgermeister, der mit einer
zunehmenden Fülle und Komplexität von Verwaltungsaufgaben konfrontiert wurde.
Schulerhaltung, Armenfürsorge und Infrastruktur wurden von der Gemeinde
übernommen. Bis zum zweiten Weltkrieg war das Heimatrecht auf die Gemeinde
bezogen. Mit der Eingemeindung nach Wien endete 1938 die selbständige
Gemeindeverwaltung, in den letzten Jahren nimmt jedoch die Bedeutung der
Ortsvorstehung wieder zu.


Strombad

riviera

Lisa Fischer, Die Rivera an der Donau, Wien: Böhlau 2003.

Im Dorfmuseum erhältlich.


Nur 15 km von Wien entfernt, wurde in Kritzendorf 1903 ein Bad an der Donau
erbaut. Die beliebte Sommerfrische besuchten zahlreiche Personen. Sowohl Mozart,
Trotzki oder Lina Loos weilten hier. Hugo Breitner, der berühmte Finanzstadtrat von
Wien besaß im Ort ebenso eine Villa wie der Bankier Schelhammer. In den dreißiger
Jahren erreichte das Leben am Strom einen gesellschaftlichen Höhepunkt. Die
unbeschwerte Körperkultur blühte, wenn im Pavillon Teile der Wiener Symphoniker
Arien aus Aida spielten, oder heiße Rhythmen am Strand tausende Menschen zum
Tanzen luden. Das rege gesellschaftliche Leben vervielfältigte sich in ungewöhnlicher
Häufung in Literatur und Musik. Von Doderer, Torberg, Erika Mitterer oder Hilde Spiel
beschrieben, wurde es von Farkas und Leopoldi besungen.


Von Adolf Loos, Felix Augenfeld oder Heinz Rollig in Formen verpackt, war das Bad
am Strom ein architektonisches Kleinod und ein kreatives Milieu für das Wiener
Zentrum. 1938 versank das blühende Leben jedoch in den Fluten des
Nationalsozialismus. 80% der Häuser wurden durch die Nürnberger Rassengesetze
jüdischer Besitz und radikal enteignet. Ein Bad am Strom hatte seinen inspirierenden
Charakter verloren. Heute präsentiert es sich in einem unkonventionellen Flair
zwischen Naturfreiheit und Kulturraum als Geheimtipp für nostalgisch Verliebte.

 

 
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